Wenn Stromunfälle unter die Haut gehen

09.06.2010

Plastische Chirurgie: neue Techniken der Hautrekonstruktion

Unfälle mit elektrischem Strom geschehen zwar eher selten, wenn sie aber passieren, sind es häufig schwere Unfälle. Obwohl die Menschen im täglichen Leben an den Umgang mit Strom gewöhnt sind, unterschätzen sie oft Gefahren, die bei unsachgemäßem Gebrauch drohen. Unfälle mit Strom können neben Herzrhythmusstörungen und Bewusstlosigkeit auch lebensgefährliche Verbrennungen und schwere Schädigungen des Gewebes nach sich ziehen. Die Experten der Österreichischen Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie (ÖGPÄRC) können bei der Behandlung von schwerwiegenden Gewebeschäden wie hochgradigen Verbrennungen mit neuen Techniken der Hautrekonstruktion helfen.

Unfälle mit elektrischem Strom können Gesundheit und Leben ernsthaft gefährden. Dennoch kommt es aus Unwissenheit oder Sorglosigkeit des Öfteren zu Unfällen mit dieser Energiequelle. Univ. Doz. Dr. Lars-Peter Kamolz, Plastischer Chirurg am Zentrum für Schwerbrandverletzte, Abteilung für Plastische und Rekonstruktive Chirurgie (Leiter: Univ. Prof. Dr. Manfred Frey) im AKH Wien, Medizinische Universität Wien, Experte auf dem Gebiet der Brandverletzten-Behandlung und Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie (ÖGPÄRC) ist immer wieder mit Opfern von Starkstromunfällen konfrontiert. Er erklärt: „Durch den Stromfluss können neben der Haut auch tiefer liegende Strukturen wie die Muskulatur, Nerven und Knochen geschädigt werden. Das Ausmaß der Schädigung ist von der Stromdauer, der Stromstärke und vom Weg, den der Strom durch den Körper nimmt, abhängig.“

Brandgefährlicher Starkstrom
Unglücksfälle mit Starkstrom (über 1000 Volt) können für die Betroffenen verheerende Auswirkungen haben. Doz. Kamolz dazu: „Auf seinem Weg durch den Körper verursacht der Strom neben Herzrhythmusstörungen auch ernsthafte Gewebeschäden und tiefgehende Verbrennungen. Diese schweren Verletzungen ziehen einen langwierigen Heilungsprozess nach sich und können böse Narben, Amputationen und manchmal sogar den Tod des Opfers zur Folge haben. Zum Glück steht uns Plastischen Chirurgen heute mit modernen Methoden der Hautrekonstruktion ein probates Mittel zur Verfügung, StarkstrompatientInnen besser helfen zu können“.

Hautrekonstruktion rettet Leben
Der facettenreiche medizinische Fortschritt hat dazu geführt, dass heute bei der Behandlung von schweren Brandverletzungen nicht mehr das Überleben allein zählt. Wesentliche Bedeutung hat nun auch die wiedererlangte Lebensqualität und die Wiederherstellung von Funktionalität und Ästhetik der verletzten Körperstellen. Dadurch erhalten die Betroffenen die Möglichkeit, ihr normales (Sozial)Leben weiterzuführen. Doz. Kamolz dazu: „Wir führen am AKH Wien häufig eine kombinierte Rekonstruktion der Haut durch. Dabei kommt eine dermale kollagene Matrix in Kombination mit einem dünnen körpereigenen Hauttransplant zum Einsatz. Diese kombinierte Transplantation führt zu verbesserter Elastizität und Funktionalität und zu einem natürlicheren Aussehen der rekonstruierten Haut. Die Kollagenmatrix dient hierbei dem körpereigenen Gewebe als Gerüst zum Einsprossen, dadurch kommt es zu einer geordneten Neubildung von körpereigenem Gewebe und zur Ausbildung einer natürlicheren Haut. Die Kollagenmatrix wird im Laufe der Zeit komplett durch körpereigenes Gewebe ersetzt; „übrig“ bleibt eine Haut, die der unverletzten Haut hinsichtlich Elastizität noch mehr entspricht.“

Auch Spannungsfeld gefährlich
Gefahrenquellen für Unfälle mit Starkstrom sind zum Beispiel Hochspannungsleitungen, in die Gleitschirme geraten können oder mit denen zum Beispiel Flugdrachen im Herbst in Kontakt kommen. Um schwere bis tödliche Verletzungen zu erleiden, muss man mit der Starkstromquelle allerdings nicht direkt in Berührung kommen – die Annäherung ist oft ausreichend.

Mutprobe kann tödlich enden
Die Annäherung an ein Spannungsfeld, wie es zum Beispiel im Bereich der Oberleitung von Zügen entsteht, kann tödlich sein. Tritte, Plattformen und Dächer, die zwei Meter über der Schienenoberkante liegen, dürfen nicht betreten werden, da sich das Spannungsfeld bis dorthin erstrecken kann und somit Todesgefahr herrscht. Besonders Jugendliche, die aus Abenteuerlust oder wegen einer Mutprobe auf Eisenbahndächer oder –brücken klettern möchten, sind hier gefährdet. Doz. Kamolz warnt sehr eindringlich: „Fälle, wie der Tod eines Jugendlichen, der vor wenigen Wochen in Salzburg bei einer Mutprobe auf einer Eisenbahnbrücke in das Spannungsfeld der Oberleitungen geraten ist, zeigen leider anschaulich, wie ein Unfall mit Starkstrom enden kann. Ich rate daher allen Menschen, kein Risiko einzugehen und Klettertouren auf Zugdächer zu unterlassen.“

Unterschätzt: Stromgefahr im Haushalt
Im Gegensatz zum Starkstrom kommt es bei Unfällen mit Haushaltsstrom selten zu Gewebeschäden. Herzrhythmusstörungen und Bewusstlosigkeit sind hier die häufigsten gesundheitlichen Folgen, vor allem, wenn das Herz bzw. das Gehirn im Stromfluss liegt. Dass auch Unfälle mit Haushaltsstrom tödlich enden können, zeigt das tragische Beispiel eines Landwirtes, der durch den Stromschlag eines in die Badewanne gefallenen Haartrockners getötet wurde. Grundsätzlich empfiehlt es sich daher, FI-Schutzschalter anzubringen und diese genau wie freiliegende Kabel regelmäßig auf Beschädigungen zu überprüfen. Um Unfällen von kleinen Kindern vorzubeugen, sollte das Anbringen von Kinderschutzsteckdosen in Haushalten mit Kleinkindern selbstverständlich sein.

Erste Hilfe
Im Unglücksfall muss der Stromkreis so rasch wie möglich unterbrochen werden (im Haushalt: FI-Schutzschalter drücken). Die Verletzten dürfen erst nach der Unterbrechung des Stromkreises berührt werden. Da die meisten Stromunfälle Herzrhythmusstörungen nach sich ziehen, sollte man so rasch wie möglich Erste Hilfe leisten. Bei fehlendem Puls muss sofort mit Herzmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung begonnen werden, da das Gehirn nicht mehr mit Sauerstoff versorgt wird. Zusätzlich sollte professionelle Hilfe so rasch wie möglich herbeigerufen werden.

Broschüre von AKH und KfV: „Verbrennungen: Prävention und Erste Hilfe“
Um besser über die Gefahren von Strom, Feuer und heißen Flüssigkeiten aufzuklären, haben die Intensivstation für Brandverletzte im AKH Wien, die ÖGPÄRC und das KfV gemeinsam die Broschüre „Verbrennungen: Prävention und Erste Hilfe“ verfasst. Auf 16 Seiten gibt es jede Menge Sicherheitstipps und natürlich auch Hinweise zur richtigen Erstversorgung von Brandverletzten. Die Broschüre wird vom KfV bei Veranstaltungen verteilt und ist in zahlreichen Krankenhäusern Österreichs und den Einrichtungen des Fonds Soziales Wien erhältlich. Außerdem gibt es die Möglichkeit, sich den Ratgeber von den Seiten www.kfv.at oder www.brandverletzt.info herunterzuladen.

Österreichische Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie
Die Österreichische Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie ist die standespolitische Vertretung der Fachärzte für Plastische Chirurgie. Alle ordentlichen Mitglieder der Österreichischen Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie haben eine spezielle sechsjährige Ausbildung erfolgreich abgeschlossen und sind daher seriöse Ansprechpartner auf dem Gebiet der plastischen Chirurgie. Website der Gesellschaft: www.plastischechirurgie.org

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